Warum ich keine "Dopamine-Art" male.

Warum ich keine "Dopamine-Art" male.

Es gibt eine Frage, die vermutlich allen, die sich über längere Zeit intensiv künstlerisch betätigen früher oder später entgegenschlägt: "Wofür mache ich das Ganze eigentlich überhaupt?" 

Neulich hat mich diese Frage beim Einrichten unseres Hauses jedoch auf eine sehr banale und dadurch umso ernüchterndere Weise getroffen. Ich habe zwei kleine Bilder, die ich vor einiger Zeit bei einem lokalen Galeristen erworben habe, in unserem Esszimmer aufgehängt. Und während ich verschiedene Positionen und Kompositionen abgewogen habe, schlug mein Mann mir vor, doch auch einige meiner eigenen Arbeiten an die Wände zu bringen. Sofort habe ich einen innerlichen Widerstand dagegen verspürt und ohne, dass ich dieses Gefühl weiter ergründen konnte, ohne Sinn und Verstand, hörte ich mich plötzlich sagen:

Meine Arbeiten sind zu dunkel und passen nicht ins Einrichtungskonzept.

Ich erwische mich seit dem immer wieder dabei, wie ich verschiedene Ecken unseres Hauses sondierte, völlig gedankenverloren die üblichen Plattformen nach Inspirationen durchstöberte und überlegte, wie ich die weißen Wände mit eigenen, vielleicht sogar gänzlich neuen Arbeiten füllen könnte. Dabei ist mir die Bezeichnung "Dopamine Art" wiederholt entgegengesprungen. Die Idee dahinter ist relativ simpel:

Freundliche, kräftige Farben sollen dazu beitragen die Stimmung anzuheben. 

Der Name "Dopamine Decor" oder "Dopamine Art" leitet sich vom Botenstoff Dopamin, einem sogenannten „Glückshormon“ ab. Dieses wird allerdings nicht nur bei Freude und schönen Erlebnissen, sondern vor allem auch dort, wo etwas neu, unerwartet oder bedeutsam ist im Gehirn ausgeschüttet. Das Internet ist voll von abstrakten Arbeiten, die "einfach gute Laune" machen sollen. Und auch in meiner Eventreihe, dem "Art After Work", habe ich bemerkt wie beliebt die Idee ist, Pink und Orange auf einer Leinwand ineinanderfließen zu lassen. Und während ich, wie in Trance, seit Tagen über Keilrahmenbestellungen, Kompositionen, Farbkonzepten und Motiven hing, traf es mich (kaum dass ich mir mal 5 Minuten zum Durchatmen und wirklich Nachdenken darüber genommen habe) wie ein Schlag. 

Als Porträtmalerin habe auch ich, wie viele andere Kunstschaffende, einen starken Hang zur Selbstkritik. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass diese intensive Auseinandersetzung mit der Bedeutung und dem, wie auch immer gearteten Wert der eigenen Arbeit, einen zentralen Kernaspekt von Kunst darstellt. Auch wenn ich selbst nie eine Kunstakademie besuchen konnte, so bekomme ich doch einiges darüber mit, welche Rolle gegenseitige Kritik dabei spielt. Und auch wenn ich einige der Praktiken, die mir Absolvent*innen immer wieder schildern absolut nicht unterstützen kann, so merke ich doch trotzdem welchen enormen Beitrag ein nüchterner, distanzierter Blick auf künstlerisches Schaffen leistet. Dabei ist meine Prämisse stets, dass Fehler nicht nur erlaubt, sondern zwingend notwendig sind, mehr noch, dass sie einen festen Teil des menschlichen Schaffens darstellen. In einer Zeit in der alles auf Automatisierung, Optimierung, Präzisierung und Perfektion drängt, erscheint mir dieses Gegengewicht unverzichtbar.

Meine Arbeiten sind bewusst nicht dafür geeignet, einfach nur "zum Sofa zu passen".

 Sie sind derart konzipiert, dass sie die Betrachtenden zum Nachzudenken, genauer Hinsehen und zur Selbstreflexion einladen. Dass das für viele schwer auszuhalten ist, merke ich bei Ausstellungen, privaten Besuchen im Atelier und Messen immer wieder. Die Arbeiten üben eine unbestreitbare Faszination auf viele Menschen aus, doch bei näherer Auseinandersetzung und Unterhaltung höre ich wiederholt das gleiche Resümee: "Also sie sind ja schön, aber mir doch etwas zu viel. Und so dunkel! Warum so dunkel? Ich wüsste gar nicht wo ich sie hinhängen sollte!" Und während ich in der Vergangenheit solche Bewertungen wohlwollend als mangelnde Passung zwischen Kunstwerk und Betrachtenden für mich verbuchen konnte, merke ich inzwischen welche Spuren sie bei mir hinterlassen. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der Intensität meiner Arbeit mit einer derart selbstkritischen Grundhaltung, musste ich feststellen, wie erschöpfend dies auf Dauer sein kann. Und im Gegenzug merke ich auch wie verführerisch ein bisschen Zerstreuung und Ablenkung im eigenen Wohnraum sind.

Ich habe dennoch darüber nachgedacht ein Werk zu zerschneiden, damit es besser zwischen Tür und Fenster passt. 

"Rückgrat" stellt eines meiner persönlichen Lieblingsstücke dar. Seit Monaten erfreue ich mich an der Mischung zwischen reduzierter Pinselführung und detaillierter Ausarbeitung, der durchscheinenden Untermalung, dem Spiel zwischen Licht und Schatten. Und trotzdem hat mich ein schier unbezwingbarer Druck beinahe dazu gebracht die Arbeit in mundgerechte Portionen zu zerstückeln, die sich besser ins Wohnkonzept einfügen. Die gellenden weißen Wände in unserem Haus haben nämlich eine viel grausamere Frage aufgeworfen: 

Wenn ich mir meine Arbeiten nicht ins Wohnzimmer hänge, wer es soll es dann? 

Und während ich schon am Planen und Konzipieren von "freundlicheren" und "leichter verdaulichen" Varianten meiner Subtextserie war, wie ich mich sogar versuchte mich mit dem Gedanken "Dopamin Art" zu malen anzufreunden, fiel mein Blick auf eines meiner Selbstporträts. Eine Arbeit, bei der ich wiederholt hören darf, dass der Anblick der Augen für viele auf Dauer nahezu unerträglich ist. Doch für mich ist dieser Blick genau das was ich in dem Moment gebraucht hatte. Das Selbstporträt erfüllte damit seine Bestimmung: 

Ich war im Begriff war meine gesamte bisherige Arbeit über Bord zu werfen, nur um etwas zu erschaffen, was besser "zum Sofa passt". 

Diese Erkenntnis fuhr mir bis ins Mark und holte mich zugleich wieder auf das Fundament meiner Arbeit zurück. Meine eigenen Bilder sind bewusst dunkel, kantig und reduziert. Es gibt darin wenig von dem, was man heute schnell als „dopaminerg“ bezeichnen würde. Also keine offensichtliche gute Laune, die einen anspringt, keine bewusst eingesetzte Farbexplosion, kein Versprechen, dass dieses Bild den Raum und damit auch gleich die Stimmung seines Betrachters aufhellen wird. „Dopamine Art“ ist für mich ein interessanter Begriff, gerade weil er so viel über unsere gegenwärtige Art verrät, Bilder anzusehen. Denn Dopamin ist kein Glückshormon im simplen Sinn und schon gar kein Stoff, der bei einem bestimmten Farbton automatisch „Freude“ produziert. 

Farbe hat eine längere Geschichte, als Instagram vermuten lässt

Was mich am heutigen Begriff „Dopamine Decor“ manchmal stört, ist nicht seine Verwendung an sich, sondern die Geschwindigkeit, mit der er eine ziemlich alte Frage scheinbar beantwortet: Was macht Farbe mit uns? Und diese Frage ist keineswegs neu. Die Kunstgeschichte ist voll von Versuchen, Farbe zu ordnen, ihr emotionale, psychologische oder sogar metaphysische Wirkungen zuzuschreiben. Aber gerade die Geschichte dieser Ideen zeigt, wie vorsichtig man mit ihnen sein sollte. Was als universelle Wirkung einer Farbe erscheint, ist immer auch kulturell geprägt. Farben haben keine fest eingebauten emotionalen Bedeutungen. Wir lernen, erleben und erinnern sie immer wieder neu, verbinden sie mit Räumen, Gegenständen, Menschen und Situationen. Ein bestimmtes Gelb kann nach Sommer aussehen, oder nach Warnung, nach einer alten Küche oder aber auch nach Nikotin. Ein dunkler Raum kann bedrückend wirken. Oder geschützt. Oder elegant. Oder konzentriert. Farbe ist niemals nur Farbe, sie bringt Geschichte mit.

Ich habe nie gedacht: Jetzt male ich etwas Dunkles, damit es ernsthaft wirkt. Diese Vorstellung interessiert mich überhaupt nicht. Es gibt keinen automatischen Zusammenhang zwischen Dunkelheit und Tiefe, genauso wenig wie zwischen leuchtenden Farben und Oberflächlichkeit. Die Kunstgeschichte wäre ziemlich langweilig, wenn es so einfach wäre. Ich glaube eher, dass Dunkelheit mir beim Malen einen bestimmten Grad an Widerstand gibt, weil sie etwas wegnimmt und man dadurch beginnt genauer hinzusehen.

Ich möchte nicht, dass ein Bild seine Wirkung schon mitliefert.

Vielleicht liegt hier der eigentliche Grund dafür, dass ich keine „Dopamine-Art“ male. Nicht, weil ich etwas gegen Freude hätte und auch nicht, weil ich der Meinung wäre, ein Kunstwerk müsse schwierig, düster oder verstörend sein, um ernst genommen zu werden. Ich misstraue lediglich der Vorstellung, dass ein Bild seine Wirkung möglichst schnell und eindeutig kommunizieren sollte. Ein Bild, das auf den ersten Blick funktioniert, kann großartig sein, aber ich möchte nicht, dass „Funktionieren“ die einzige Möglichkeit ist. Ich mag es, wenn ein Bild zunächst nicht ganz aufzugehen scheint. Wenn man nicht sofort weiß, ob etwas schön oder unangenehm ist. Wenn eine Form gleichzeitig körperlich und abstrakt wirken kann. Wenn eine Farbe nicht eindeutig als warm oder kalt, positiv oder negativ gelesen werden kann. Wenn ein Bild nicht sagt: Hier ist dein Gefühl, sondern eher fragt: Was passiert gerade bei dir? Das ist für mich eine andere Form von Kommunikation und genau die strebe ich an.

Vielleicht ist ein Bild dann besonders interessant, wenn es nicht sofort eine Belohnung liefert, sondern eine kleine Aufgabe stellt. 

Und hier beginnt für mich auch die kunstmarktliche Seite des Themas. Denn wir leben inzwischen in einer visuellen Ökonomie, in der Aufmerksamkeit knapp ist. Ein Kunstwerk existiert nicht mehr ausschließlich als physischer Gegenstand vor einer Person. Es wird fotografiert, zugeschnitten, gepostet, weitergeleitet, neben anderen Bildern betrachtet und innerhalb von Sekunden beurteilt. Eine starke Farbe funktioniert unter diesen Bedingungen hervorragend, ein auffälliges Muster funktioniert genau so wie ein Raum, der sofort eine Geschichte erzählt, funktioniert.

Das ist keine Kritik an denjenigen, die solche Bilder machen. Im Gegenteil!

Ich finde es interessant, wie gut viele Künstlerinnen und Künstler die visuelle Gegenwart verstehen und mit ihr arbeiten. Aber ich glaube, wir sollten zwischen einer ästhetischen Entscheidung und den Bedingungen, unter denen diese Entscheidung besonders gut zirkulieren kann unterscheiden. Der Kunstmarkt hat immer auf seine Medien reagiert. Die Kunst der Kirche verhielt sich anders als die Kunst des Salons, die Kunst des Museums anders als die Kunst des privaten Sammlerhauses. Heute kommt eine weitere Ebene hinzu: die Plattform. Ein Bild muss nicht nur vor einer Wand bestehen. Es muss unter Umständen auch als 4:5-Ausschnitt auf einem Smartphone funktionieren. Das verändert die Aufmerksamkeit und vielleicht verändert es langfristig auch unsere Vorstellung davon, was ein gutes Bild überhaupt ist.

Was mich daran besonders amüsiert: Ausgerechnet zu Hause scheine ich diese Logik manchmal selbst zu genießen. Ich möchte dort Farbe sehen. Ich möchte Muster sehen. Ich möchte Gegenstände haben, die vielleicht nicht notwendig sind, aber Freude machen. Und ich merke gerade beim Schreiben, dass das überhaupt kein Widerspruch zu meiner Malerei sein muss, sondern vielleicht einfach nur eine Balance ermöglicht: Beim Malen verdichte ich, treffe Entscheidungen, nehme weg, übermale, verwerfe. Ich suche nach einer bestimmten Spannung und bleibe manchmal lange bei einer einzigen Stelle hängen. Ein Bild entsteht für mich auch durch das, was nicht darin vorkommt.

Beim Einrichten darf und muss es für mich vielleicht anders sein. Eine Farbe darf neben einer anderen existieren, ohne dass ich daraus eine endgültige Komposition machen muss. Ein Muster darf einfach Spaß machen. Ein Möbelstück darf absurd sein. Vielleicht brauche ich im Raum genau das, was ich mir im Bild versage. Oder vielleicht ist es noch einfacher:

Kunst und Wohnen erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse. 

Ein Bild darf mich herausfordern. Mein Zuhause darf mich auffangen. Und manchmal darf es mich auch einfach amüsieren. Je länger ich über „Dopamine Art“ nachdenke, desto weniger interessiert mich deshalb die Frage, ob bestimmte Farben uns glücklicher machen. Die spannendere Frage lautet also für mich: Warum möchten wir heute überhaupt so gern, dass Kunst uns sofort etwas bestimmtes fühlen lässt? Warum soll ein Bild Energie geben, Ruhe geben, Freude geben, inspirieren, heilen, motivieren? Vielleicht liegt darin ein sehr zeitgenössischer Wunsch. Wir leben in einer Kultur, in der wir unsere Umgebungen zunehmend optimieren: Schlaf optimieren, Ernährung optimieren, Arbeit optimieren, Wohnungen optimieren. Und natürlich darf auch die Kunst irgendwann etwas für uns tun. Sie soll uns besser fühlen lassen und ich verstehe das.

Kunst war historisch gesehen nie nur eine Wellness-Anwendung für die Seele. 

Sie konnte religiös sein, politisch, repräsentativ, verstörend, ornamental, kontemplativ, irrational, radikal, dekorativ oder schlicht rätselhaft. Sie musste nicht immer einen angenehmen Zustand herstellen. Vielleicht darf sie deshalb auch heute noch Dinge tun, die sich nicht sofort in einem Moodboard beschreiben lassen. Ein dunkles Bild kann anregend sein, ein buntes Bild langweilig, ein leeres Bild kann voller Spannung sein. Genau so kann ein überladener Raum unter umständen beruhigend wirken. Das Gehirn ist komplizierter als unsere Pinterest-Kategorien. Vielleicht ist das am Ende die etwas unbequemere These: Ich glaube nicht, dass die Farbe eines Bildes darüber entscheidet, ob es uns etwas gibt. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Eigenständigkeit wir einem Bild zugestehen.  Ein Werk muss nicht möglichst schnell gefallen, um eine starke Wirkung zu haben, es muss ebenso wenig möglichst schwer zugänglich sein. Es darf einfach seine eigene Geschwindigkeit besitzen. 

Das ist wahrscheinlich das, was ich an meinen dunklen, kantigen Bildern mag. Sie verlangen ein wenig Zeit.

Nicht unbedingt viel, aber genug, um den ersten Eindruck zu überleben und vielleicht ist genau das heute schon eine ziemlich politische Entscheidung. Ein Bild, das nicht sofort alles erklärt, entzieht sich für einen Moment der Logik des schnellen Konsums. Manchmal frage ich mich, ob das heutzutage nicht vielleicht eine der wenigen Formen von Widerstand ist, die ein Gemälde heute noch leisten kann ohne laut werden zu müssen. Vielleicht ist das sogar der schönste Teil des Widerspruchs. Ich male keine Kunst, die mich glücklich machen muss, aber ich wohne sehr gern in einem Raum, der es manchmal tut. Und vielleicht brauchen wir beides: Bilder, die uns etwas geben und Bilder die uns etwas nehmen. 

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